Tra due mari – Der etwas andere Reisebericht. Die „Stiefelspitze“ Italiens im Spiegel des Werkes von Carmine Abate

Rosaria Pugliese
2022-01-01

9783034345972
9783034345989
9783034345996
„Als sie den Gipfel einer Bergkette erreichen, entschädigt sie die Aussicht für die erlittenen Strapazen: das glänzende Blau der zwei Meere, des Ionischen und des Tyrrhenischen, eines zu ihrer rechten, eines zu ihrer linken. Die beiden Meeresbuchten, der Golf von Sant’Eufemia und der Golf von Squillace, sehen aus wie mit Jadins geübter Hand gezeichnet, so schön sind sie.“ (Abate, 2014) Mit diesen Worten beschreibt Carmine Abate das Bergdorf Roccalba, den fiktiven Ort seines Romans „Zwischen zwei Meeren“ (2014) in der Mitte Kalabriens, der Stiefelspitze Italiens. Hier, an der engsten Stelle von Kalabrien, wo das Ionische und Tyrrhenische Meer gleichermaßen zu sehen sind, stand einst die Ruine des Fondaco del Fico, ein in ganz Kalabrien berühmtes Landgut, dessen Geschichte vermutlich bis auf Cicero zurückgeht. Durchreisende aus aller Welt machten hier Station. Im Jahr 1835 soll sich hier sogar Alexandre Dumas zusammen mit seinem Hund Milord auf seiner Reise durch Italien aufgehalten haben. Kalabrien, es ist dies eine Landschaft, in der die Lebensgewohnheiten der Menschen aus dem Osten, dem Westen, dem Norden und dem Süden zu einem einzigen kulturellen Raum verschmelzen, eine Landschaft aus der Stimmen der Vergangenheit bis in die Gegenwart klingen, eine Landschaft, deren Gerüche und Aromen von Abate in seinem Roman geradezu bildlich entfaltet und zum Leben erweckt werden. Mit seiner musikalischen, polyphonen, fast plastisch anmutenden Sprache beschreibt Abate die vor Hitze flimmernde Landschaft Kalabriens mit ihren schillernden Farben, ihrem Licht. Er besingt das „glänzende Blau“ der zwei Meere dergestalt, dass man als Leser das Salz der beiden Meere regelrecht schmecken, deren frische Brise wahrnehmen, die brennende Sonne spüren kann. Doch beschreibt Abate in seinem Roman nicht nur die mediterrane Landschaft Kalabriens zwischen dem Tyrrhenischen und dem Ionischen Meer, sondern setzt auch die Menschen, deren Eigenschaften, Fröhlichkeit und Ausgelassenheit, Versäumnisse und Verschulden einer komplexen Gesellschaft ins Bild. Abate, in einem albanischen Dorf Kalabriens geboren, in dem im 15. Jahrhundert Albaner auf der Flucht vor den muslimischen Osmanen Zuflucht fanden und in dem heute noch altalbanisch (Arbëresh) gesprochen wird, verwebt in seinem Werk oft das albanische Geschichtsgedächtnis mit der Geschichte Kalabriens, gezeichnet vom brigantagio postunitario der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts bis hin zu den Konflikten zwischen Bauern und den mächtigen Landbesitzern in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts, sowie in jüngeren Zeiten von der kriminellen Vereinigung der 'Ndrangheta, der Ausbeutung von Landschaft und Bevölkerung, der Armut und Arbeitslosigkeit und schließlich vom Drama der Emigration nach Deutschland und in andere Länder des Nordens. Kalabrien ist auch das Land der sog. Germanesi, die nach ihrer Emigration nach Deutschland wieder in ihr Land zurückkehren, wo sie ihre Existenz fristen, zwischen Ablehnung und Reintegration, zwischen Verlust und Wiederherstellung ihrer Identität (vgl. Luzi, 2008). In den Zeilen Abates vibriert der Süden Italiens zwischen Traum und Wirklichkeit: Von der Beschreibung der phantastischen Bilder der kalabrischen Grand Tour des Giorgio Bellusci und seines Freundes Hans Heumann in Anlehnung an Norman Douglas und dem Paar Dumas-Jadin, bis hin zu den faszinierenden Schilderungen der scharfen und sinnlichen Gerüche der Landschaft wie auch der Familien- bzw. Liebesgeschichten über drei Generationen hinweg. Mit diesem Beitrag soll versucht werden zu zeigen, inwiefern der Roman Zwischen zwei Meeren als Reisebericht verstanden werden kann, und wie es Carmine Abate gelingt die mediterrane Landschaft Kalabriens und deren Menschen sprachlich und stilistisch zu gestalten, bzw. literarisch wiederzugeben. Kalabrien als Schmelztiegel zahlreicher Völker und Kulturen aus dem ganzen Mittelmeerraum steht dabei stets im Mittelpunkt.
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Utilizza questo identificativo per citare o creare un link a questo documento: https://hdl.handle.net/20.500.11770/341983
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